total fantasy forever by Adiga/thm28, ©2008

Teil 3 - Krallen und Stacheln

 

Die Luft war klar, keineswegs zu trocken und geruchlos neutral, mit einem Wort: sie war angenehm; Eine erfrischend zu atmende Luft. Derid hatte noch nie probiert für längere Zeit das Atmen aufzugeben. Dabei war sie schon seit so vielen Jahren eine Verwandelte. Sie konnte sich nicht damit anfreunden. Nicht nur dass sie auf Atemluft gänzlich verzichten könnte. Es war das unerwartete gesamtheitliche Ausmaß ihres veränderten energetischen Daseins, dass ihr zuweilen zu schaffen machte, und der Umstand, dass sie an ihrem Status nichts ändern konnte, zumindest nicht aus eigener Kraft. Aber sie war bereit ihr Sanit-Schwert jeder nur erdenklichen Kreatur in den Leib zu rammen.

Trohm tat ja fast so, als ereignete sich mit der Begegnung mit den Qui-Dwedas mehr, als bloß das erste aufeinander treffen von energetischen Existenzen, die sich gegenseitig noch nie beschnuppert hatten. Qui-Dwedas waren vermutlich nicht bloß irgendwelche energetische Geschöpfe, sondern solche, die nie lebendig waren und schon vor Ewigkeiten erschaffen worden waren, bevor es im Magc Licht und Dunkelheit gab. Wahrscheinlich stierten die funkelnden Augen dieser Leute, schon aus jeder Ritze und jedem Loch verborgen im Schatten hinter dem Gewirr bleicher Äste; Doch noch wahrscheinlicher war, dass sie gar keine Augen hatten. Die schwarzen Qui-Dwedas Leute zu nennen, konnte ohnehin nur ein Witz sein, und ihre nicht vorhandenen Augen besaßen gewiss etwas unbeschreiblich Böses. Vielleicht hatten sie auch scharfe Zähne und obendrein hatten sie wohl auch eine gepanzerte Haut selbstverständlich mit Schuppen und voller krabbelndem Ungeziefer, und wenn sie sich unbeobachtet fühlten, kratzten sie sich wahrscheinlich ständig.

Während Derid das Gefühl hatte, sie müsse sich auf besondere Weise auf die kommende Begegnung vorbereiten, versanken bei jedem Schritt ihre Stiefel knöcheltief im losen Sand. Die abgeschliffenen Spitzen durchpflügten die glatte unberührte Oberfläche und helle feine Körner prallten in alle Richtungen davon. Derid war so sehr mit ihren Vermutungen beschäftigt, dass sie nicht bemerkte, dass längst nur noch ihre eigenen Schritte durch den cremefarbigen Sand pflügten.

Wenn sie sich unbekannte Kreaturen vorstellte, vermied sie es sich vorzustellen, dass jede Kreatur an Bedingungen geknüpft war. Sie strengte auch nicht gerne ihr Gehirn an, um ihre menschlichen Erfahrungswerte nicht einfließen zu lassen. Sie wusste nur zu gut, dass es keinen Sinn ergab sich die Qui-Dwedas mit scharfen Zähnen, Schuppen und Ungeziefer vorzustellen. Das konnte so nie den Tatsachen entsprechen. Vielleicht waren ihre Vorstellungen für jemanden, der ihre Gedanken verfolgt hatte, der pure Beweis, dass Derid nie gelernt hatte sich in die Ebenen von Energiegeschöpfen und deren unterschiedliche Klassifikationen hineinzufühlen. Wahrscheinlich konnte der Beweis ihrer Unfähigkeit das energetische Dasein zu begreifen absoluter gar nicht sein. Für Leute die selbst energetisch waren, aber sich nicht mit einer solchen Beschaffenheit zurechtfanden, gab es im Vindariel, der wichtigsten Sprache im Magc, eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung.

 

Du bist eine echte Bena“, flüsterte Derid. und musste dabei schmunzeln. Doch Sie war damit so was von zufrieden. Ihr Verstand funktionierte noch immer normal - in rein menschlichen Kategorien. Sie liebte diese Vertrautheit. Sie vergaß nur allzu gerne, dass sie dazugehörte. Schon seit mehr als fünfzehn Jahren war sie eine verwandelte, unwirkliche Bestie. Letztlich ein energetisches Monster. Natürlich eines das von ihren Möglichkeiten so gut wie keinen Gebrauch machte. Sie hatte noch nicht einmal ernsthaft probiert das Atmen aufzugeben, obwohl es aus energetischer Sicht vollkommen sinnlos war, seinem Körper mit gasförmiger Materie voll zu pumpen, dessen energetisches Potenzial man ohnehin nicht nutzen konnte. Weil Luft im Magc zu jenen Dingen gehörte, die eine geschützte Signatur besaßen. - Aber, es war doch völlig egal. Derid hatte früher geatmet, und sie konnte sich’s einfach nicht abgewöhnen, und es war ihr egal, dass man sie ständig eine „Bena“ schimpfte, weil sie in ihrer ganzen Erscheinung Lebendigkeit simulierte.

völlig egal.“

 

Sie spürte es. Sie war im Begriff sich noch mehr mit den Angelegenheiten der Ayrihn zu verstricken, mehr als sie bereits darin verstrickt war, und irgendwie begann Derid allmählich zu spüren, dass Trohm sie gerade wieder getäuscht hatte. Er wollte, dass sie dachte, sie wären in Gefahr und dass sie dachte, es wäre wichtig fluchtartig voranzutigern. Bestimmt bezweckte Trohm etwas mit dieser Vorgehensweise, zu gerne hätte sie gewusst, was. Sie blieb stehen und sah sich um.

„Trohm, glaubst du wirklich sie können uns gefährlich werden?“ fragte sie ihn also, und eigentlich hätte sie sich das denken können. Es kam keine Antwort. Ihre Worte verhallten jedenfalls ungehört in der Leere des unnatürlichen Gangs unter den Makantmas, und von Trohm und Maraygco fehlte jede Spur. Nur noch Derid selbst befand sich im Bereich soweit ihr Auraschein die Umgebung erhellte, und die Fußspuren die sie gekommen war, verloren sich einsam in der Dunkelheit. Derid entglitten einige unverständliche Silben: „...borch’uh...par’dhacgu.“ Sie klangen grob und unhöflich.

 

Die beiden hatten Derid ganz einfach weiterlaufen lassen, ohne sie mit einzubeziehen. Sie hatte es ja gespürt, es konnte nicht klug sein, einem Feind entgegen zu laufen, wenn man versuchen wollte ihm auszuweichen. Es ging also nie darum, die Qui-Dwedas zu umgehen.

Derid fühlte sich von der Düsternis eingeschlossen und mit Sicherheit wurde sie längst von irgendwas beobachtet. So war das, wenn man ständig vom eigenen Licht umgeben war, das in einem Umkreis von zehn Schritten alles mit grünem Schein bedeckte. Eigentlich hinderte es nur daran zu erkennen, was herum in der Dunkelheit passierte, und es erzeugte des Öfteren das beklemmende Gefühl, dass sie weithin eine gut sichtbare Zielscheibe abgab. Wahrscheinlich konnten Maraygco und Trohm jede ihrer kleinsten Regungen erkennen, und ebenso auch all die anderen, sogar wenn sie mehr als eine viertel Meile voraus am Ende des Tunnels hockten. Eine allgegenwärtig leuchtende Aura war eben alles andere als ein Segen.


Derid kehrte um. Ein leichtes fortdauerndes Rumoren war im Makantma-Geäst erwacht. Sie schaute hoch, aber das Geflecht war zu dicht. Man konnte nicht einmal feststellen, ob es Tag oder Nacht war. Jedoch das Ächzen in den fernen noch ungesehen Baumkronen ließ sie vermuten, dass sich über dem Wald ein Gewitter zusammenbraute. Derid hatte das Gefühl, schon seit Wochen planlos herumzuirren und ihr wurde nun bewusst, wie sehr sie den Anblick des freien Himmels gerade vermisste und besonders das helle Licht des Tages, der ihren eigenen fahlen Schein überstrahlt hätte. Kurz: Ihre Aura machte die Situation nicht gerade behaglicher. Was ziemlich praktisch war - aber eben nur für die anderen.

Sie fand ihre Freunde früher als erwartet wieder. Trohm schaute schweigend ins wirre Durcheinander leblos wirkender Äste und seine Aufmerksamkeit lag auf den Dingen, die sich darin verbargen, so sehr - dass er Derids Rückkehr keinen Blick zu würdigen wusste. Während Maraygco ein großes leeres Glas in den Rucksack steckte und als sie es wieder herauszog, war es wieder voll. Der Wind über dem Makantma-Wald hatte abermals zugelegt, erstaunlicher Weise rieselte gelegentlich Staub durch das Dickicht, und mitunter krachte und knackte es ziemlich laut. Wer hatte schon eine Vorstellung davon, wie viel ein so begabtes Geschöpf wie dieser Trohm mit seinen Sinnen erkennen konnte? Wo andere nur den Anblick von bleichem Makantma-Astgeflecht vor sich vermuteten, erkannte er die Nähe von Geschöpfen, die sich versteckten, oder überhaupt nicht greifbar nahe waren, vielleicht konnte er sogar ihre Gedanken und Erinnerungen erkennen, sogar jene die sie selbst schon längst vergessen hatten.

Dass Trohm seine Fähigkeiten noch immer besaß, obwohl die Ayrihn vermutlich nichts unversucht ließen, grenzt an ein Wunder, und man konnte es kaum glauben, dass er all seine Talente ganz frei von der Leber weg benutzen durfte. Sogar für die Ayrihn war er vermutlich eines der untragbarsten Geschöpfe, die sich je frei im Magc bewegten. Derid trat mit einem seltsamen Gefühl an Trohm heran. Einen Moment lang näherte sich ihre Hand seiner Schulter, als wollte sie ihn berühren oder vielleicht auch um ihn wesentlich unsanfter aus seiner Abgeschiedenheit herauszuholen, doch Trohm bemerkte Derid vorher und er blickte zur Seite über seine Schulter nach hinten. Derid gruselte es leicht vor diesem Blick. An Trohms Aussehen war irgendwas anders, doch sie konnte nicht sagen, woran es lag. Als würde sie gar nicht in Trohms Augen schauen, obwohl er direkt vor ihr stand.

Gehen … wir nicht weiter?“ flüsterte sie zögernd.

Wenn das vorbei ist.“ sagte Trohm kurz angebunden. Er hatte sich nicht sonderlich bemüht leise zu reden, demnach waren die Qui-Dwedas noch nicht so besonders nah. Irgendwas schien zwischen Trohm und Maraygco vorgefallen zu sein; Vermutlich eine gröbere Meinungsverschiedenheit. Jedenfalls ignorierten sie sich gegenseitig und Derid vermutete, dass sie deshalb zurückgeblieben waren.

Ich nehme an, ihr habt es auch bemerkt, über uns braut sich etwas zusammen.“ stellte sie eine Frage, die eigentlich keine war, nur um nicht länger mit ansehen zu müssen, wie sich die beiden missachteten.

Nicht nur über uns.“ sagte Maraygco beiläufig.


Derid kannte sich noch immer nicht aus, glaubte aber zu erkennen, dass es tatsächlich Streit gegeben hatte. Maraygco hatte ihren offenen Rucksack, weggelegt und er war wie immer so flach und eingefallen, als wäre er völlig leer. Trotzdem holte sie seit zwei Tagen immer neue Wegzerrung aus ihn hervor. - Aus einem leeren Purpur farbigen Rucksack. Sie kaute noch den letzten Bissen, von etwas das sie hastig in ihren Mund gestopft hatte. Sie liebte Käsebrote. Käse mit starken Aroma auf dunklen Brot und dazu trank sie viel klares Wasser. Derid war verwundert, wie Maraygco ausgerechnet in diesem Augenblick ans Essen denken konnte.

Ich bereite mich vor.“ antwortete sie auf eine Frage die Derid auf den Lippen hatte, aber die sie keineswegs zu stellen gedachte, „und wie ich mich vorbereite, ist meine Sache.“


Es hörte sich ziemlich beleidigt an. Derid ging aber nicht weiter darauf ein. Außerdem war es eine von Maraygcos typischen Aussagen, aus denen man nur bedingt schlau wurde. Trohm hatte wohl irgendwas zu ihr gesagt, was sie nicht ertragen konnte, und weil sie den Stolz eines Ayrihn besaß, aber noch nicht deren unantastbares Gemüt, brauchte es nicht viel, damit Maraygco wieder einmal...

...vorbereiten:“ Derid war von sich selbst überrascht, dass sie ihre Frage so konstruktiv und vorsichtig einleitete, „auf die Begegnung mit den Qui-Dwedas. Das würde ich auch gerne. Kannst du mir sagen, was geschehen wird? Wenn es geht, bevor sie da sind. Ich habe das Gefühl, als müsste ich unbedingt noch etwas wissen, bevor...“

Entschuldige, ich bin nicht in der Stimmung irgendwelche Prognosen abzugeben, und er, ich glaube, er ist davon überzeugt, für dich sei es das Beste nicht vorbereitet zu sein.“

Ich werde sie doch zu sehen bekommen?“

Dazu sage ich lieber nichts.“

Das ist wieder typisch: friss oder stirb, und wenn ich etwas nicht verstehen kann, mein Problem. Ich müsste ja nur eure Geheimsprache verstehen. So ist es doch!“

Du solltest jetzt nichts mehr fragen.“

Es ist ungerecht. Du hast es einfach. Du bist ein Ayrihn, und du weißt bescheid.“

Hast du schon mal einen Ayrihn gesehen, der sich Zwischendurch Jausenbrote in den Rachen stopft.“

 


Du weißt genau, wie ich das gemeint habe..“

 

 

 

 

Gut.“

Ist das alles: Gut? - Heißt das, wenn man mir einen darayischen Namen vorsetzt; So wie „Qui-Dwedas“, dann müsste ich zu genüge aufgeklärt sein. Weil ein paar darayische Bezeichnungen ja einfach alles erklären, weil dieser Name eine Bezeichnung ist, die von deinem Volk stammt.“ Maraygco ließ sich nicht weich klopfen. Derid wandte sich an Trohm und kickte wütend eine Ladung Sand zu ihm. - „Was ist mit dir? Wieso mussten wir zuerst rennen und jetzt genügt es, dass wir nichts weiter tun als hier herumzustehen.“

Ohne mit Derid den Blickkontakt zu suchen, sagte er: „Für das, was du bist und auch für das, was du tun kannst, reicht das, was gesagt wurde, Bena.“

Ich finde das nicht in Ordnung. Warum muss ich dafür büßen, weil ihr beide nicht derselben Meinung seid?“

 

Maraygco blickte zu Trohm, es war ein böser Blick. Um ihren Blick im Nacken zu spüren, brauchte man wahrscheinlich keine besonderen Trohm-Fähigkeiten. Aber um ihn zu ertragen, umso mehr.

Derid, ist mit deinem Weg unzufrieden. Sie verlangt Erklärungen und sie verlangt sie zu recht.“

„Ja, ich verlange und ich verlange bestimmt nicht zu viel, aber wenigstens soviel, dass ich verstehe, was bei dieser Begegnung eigentlich so wichtig ist? Oder sein soll!“

Wie ihr wollt.“ Als sich Trohm zu ihnen wandte, öffnete er seine Hand und ließ etwas Sand zu Boden rieseln. „Ich bin einem Geheimnis auf der Spur, wenn es nicht noch zu früh für eine Prognose wäre, würde ich euch einweihen. Doch soviel kann ich euch verraten. Sand ist ohne Leben, und ein einzelnes Korn ist bedeutungslos. Und weil es hier in Überfülle Sand gibt, wird die entscheidende Prüfung, die vor uns liegt, ganz einfach sein. Es ist die erste von vielen Prüfungen oder einigen, und es gibt kein zurück mehr. Das gilt für uns alle. Jeder von uns hat in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen, die uns an diesen Punkt führten. Maraygco, du weißt welche Entscheidungen ich meine, und Derid, wie war das damals in einem der namenlosen Täler der Hochebene von Lomar. Du warst am Ende deiner Reise, die eigentlich deine letzte Reise hätte sein müssen; Für dich hätte dort alles enden müssen. Aber du bekamst ein Angebot und wurdest vor eine Entscheidung gestellt: zu sterben oder dich verwandeln zu lassen. Niemand interessiert heute, wieso du dich dafür entschieden hast, wie du dich dabei gefühlt hast, und dass du in einer ausweglosen Lage warst. Was zählt ist, dass du dich entschieden hast, dass deine Knochen nicht für alle Zeit in jenem namenlosen Tal unter dem sengendem Schein Éhilas liegen sollten. Du hast dich entschieden das deine Reise weiterging, obwohl du dir nicht im geringsten vorstellen konntest, wohin sie ging. Hauptsache es ging weiter. Diese Entscheidung dauert an und die Bedingungen, die an dich gestellt wurden, dauern ebenso an. Du hast niemals begriffen, wie weitreichend deine Entscheidung war. Es war deine letzte freie Entscheidung.

Wir alle sind mit unserer jeweils letzten freien Entscheidung einen Kontrakt mit dieser Welt eingegangen. Mit der Macht die das Magc zu dem macht, was diese Welt ist. Eine Welt in der so manche unbedeutende Kreatur auf rätselhafte Art verändert wird, nur um die Chance zu bekommen den Lauf der Dinge zu beeinflussen. Deine Entscheidung in jenem namenlosen Tal vor etwas mehr als fünfzehn Jahren führte dich hierher und all deine späteren Entscheidungen waren nur eine Reaktion auf diese damalige Entscheidung, aber du bekamst keine wirkliche Gelegenheit von deinem neuen Kurs abzuweichen; Wer in den elitären Club der Machtgeschöpfe aufgenommen wird, steht in erster Linie im Dienste der Macht. Du wärst nicht verwandelt worden, wenn du für die Rolle, die du zu erfüllen hast, ungeeignet wärst.

Wir entscheiden schon lange nicht mehr, was mit uns geschieht. Das Magc hat etwas mit uns vor, und unser Kontrakt mit dieser Welt ist solange aufrecht, bis wir mit all den Prüfungen, die uns auferlegt sind, durch sind.

Was ich sagen möchte, wir sind alles andere als zufällig hier. Für uns haben sich bereits manch andere geopfert. Sie glaubten an uns, und ihr zwei habt nichts anderes zu tun als kleinlich zu sein. Ich muss euch hoffentlich nicht noch deutlicher sagen wie ihr euch gerade benommen habt. Ich hoffe es ist so weit angekommen. - Jetzt besteht unsere Aufgabe darin, den Prüfungen, die kommen, entgegen zu gehen. Jeder so wie es ihm möglich ist. Wir haben weder die Pflicht zu bestehen noch ist es uns auferlegt zu versagen, und glaube mir“, sein Blick lag nun ganz auf Maraygco, „auch wenn es gegangen wäre, wäre es nicht gut gewesen, es noch länger hinausschieben. Es ist Zeit für deine erste Begegnung - dih daèh."

Gut.“

und ich, was soll ich tun? Und was heißt hier dauernd: Gut?“

Gut heißt: Maraygco weiß, wie es endet, das weiß sie so gut, als wäre es bereits passiert, obwohl sie nicht weiß, was geschehen wird. Sie kann nur darauf vertrauen, dass wir das richtige tun. Und du Derid, du wirst das richtige tun, weil du durch deine Entscheidungen hierher geführt wurdest. - Schon als kleines Mädchen hast du deine Wege immer wieder so gewählt, dass nur eine Entwicklung möglich war, genau die, für die du bestimmt zu sein schienst. Aber du hättest wohl jeder Zeit andere Entscheidungen treffen können, doch innerlich warst du für andere Entscheidungen niemals bereit.

So warst du immer unterwegs, und obwohl du zu keinem Zeitpunkt wusstest, wohin die Reise ging, brachte dich das Schicksal hierher. Eine Bestimmung verbirgt sich nicht dahinter. Aber Rückblickend gesehen, standen die Chancen hoch, dass du eines Tages genau hier mit uns beiden ein neuen Abschnitt in deiner Existenz beginnen würdest. Du hast eben stets die richtigen Entscheidungen getroffen, könnte man meinen, auch dann wenn deine Wahl nicht gerade vom Verstand geleitet war. Deine Veranlagung ist eben präzise wie ein Uhrwerk könnte man sagen, und du entkommst dir selbst nicht. Sieh es so, nicht alle sind so begnadet und können trotz Unwissenheit stets das Richtige tun. “

Aber was ist mit den Qui-Dwedas, was werden sie mit uns tun?.

So wie ich das sehe“, sagte Maraygco sich einmischend, „wollte Trohm dir gerade sagen, du solltest keine Erklärungen verlangen, die es unmöglich machen, dass du je wieder aus Unwissenheit eine richtige Entscheidung treffen kannst.“

 

Für den Moment war Derid mundtot. So hatte sie das noch nie gesehen. Maraygco nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas und fügte an: „So wie heute, ist es das letzte Mal. Also erhebe ich zum Abschied mein Glas auf diesen Moment.“

Hast du vor uns zu verlassen?“

Sie steht unter Einfluss eines sich nähernden Giftes, das Maraygco zwingt zurückzuweichen. - Ich sehe, du verstehst nicht. Nun dann erkläre ich dir, was gerade passiert. Das andauernde Rumoren von allen Richtungen, was du seit geraumer Zeit hörst, stammt nicht von einigen heftigen Windböen, das sind die Späher der Qui-Dwedas. Sie haben uns längst im weiten Umkreis umstellt. Die Horde sammelt sich und wenn ihr Anführer eintrifft, werden sie rasch zu uns durchbrechen.“

Entschuldige, aber ich habe keine Angst mehr vor ihnen.“

Maraygco leerte ihr Glas Schluck um Schluck. Man konnte nicht sagen, dass sie blasser geworden wäre. Ihre Haut war sowieso immer so makellos kreideweiß, dass man glauben wollte, sie wäre nur ein blutleeres Gespenst, dann hob sie ihr Glas.

Den letzten Schluck trinke ich auf unsere unerschrockene Kriegerin, und keine Angst, ich löse mich schon nicht auf, wenn die Qui-Dwedas kommen.“ Aber plötzlich stieß Maraygco einen erschrockenen Laut aus.

Ah! Achtung! Derid, hinter dir!“

Derid drehte sich um.

Gift. Unsichtbares Gift.“ Schon wie sie das sagte, musste Maraygco lachen, weil Derid hereingefallen war. „Du bist so leicht manipulierbar. Kein Wunder dass die Ayrihn endgültig aufgegeben haben dich zu überwachen; Zu unserem Glück. Trotzdem sollten wir dich einweihen. Wenn du willst, kann ich dir einiges erklären. Aber besser wäre es, wenn Trohm es macht. - Bitte, sag ihr wenigstens, warum es nur diesen Weg gibt.“ Sie schaute Hilfe suchend Trohm an und dann zwinkerte sie ihm zu. So als wollte sie ihm damit ein Zeichen geben. „Denn wenn ich es mache, wird sie es nicht verstehen. - Du kannst das einfach besser.“

Es kommt alles wieder in Ordnung, ich verspreche es dir.“ sagte Trohm und schien es ehrlich aufmunternd zu meinen.

Wenn ich es ihr sage, wird sie es nicht verstehen. Egal wenn es lang und breit wird. Derid braucht eine Vorstellung wohin diese Reise geht, denn dieses Mal ist es nicht nur ihr Weg allein.“

Was werde ich nicht verstehen?“ warf Derid dazwischen.

Lass es dir von Maraygco erklären. Sie hat ohnehin schon damit begonnen.“

Ich habe noch mit überhaupt nichts begonnen. Aber eines lass dir gesagt sein, Derid.“ Maraygco lallte plötzlich, als wäre sie etwas angetrunken. „Wenn du es nicht verstehst, musst du es vielleicht nicht verstehen, vielleicht hat Trohm recht und es ist besser, wenn du überhaupt nichts begreifst.“

Täuschte sich Derid, oder schien Maraygco schwächer zu werden und hatte sie Trohm nicht gerade mit ihren Blicken um Hilfe angefleht.

Ich versteh, kein Wort von dem, was du mir sagen willst.“

Diese Begegnung...“ und sie atmete schwer „geschieht wegen mir. Ihr zwei seid bloß meine mickrigen Begleiter.“ Sie klang nun noch entrückter und es lag ein gehöriges Zittern in ihrer Stimme. „Es ist mein Ding und doch liegt meine Zukunft in euren Händen. Trohm war ganz böse. Er hat es vorangetrieben. Jetzt sind alle Dinge, die kommen, unausweichliche Begegnungen über die ich keine Macht habe. - Ich nehme an, weil er den Auftrag dazu hatte. Er musste meinem Vater wahrscheinlich ein Versprechen geben: Du tust alles was notwendig ist. Mache aus ihr einen echten Ayrihn, den unser Volk nicht länger verleugnen kann. Mit all den bitteren Erfahrungen, die dazu notwendig sind, bis zur Ayrihn-Perfektion – Gleichgewicht, Erhabenheit und Vernichtung. - dih daèh.“

Derid konnte es nicht wissen. Maraygco drohte gerade an ihrem eigenem Schicksal zu zerbrechen, und es war nichts anderes als ihre Verzweiflung, die sie veranlasste, diese Dinge zu sagen. Derid vermutete noch immer, Maraygco spiele ihre Verzweiflung bloß.

Ich würde zu gerne wissen, worüber ihr gestritten habt?“

 

Maraygco sah stumm zu Trohm. Hilfe suchend und voll Furcht. Trohm ging einen Schritt zurück.

Die Lawine ist losgetreten“, sagte er bestimmt und ohne Groll, „aber du musst jetzt aufhören sie aufzuhalten. Je länger du wartest, um so schwerer wird diese Prüfung und du willst bestimmt nicht, dass die Qui-Dwedas erst kommen, wenn alle anderen bereits hier waren, glaube mir, wenn du den schlimmsten deiner Feinde am Anfang begegnest, werden alle anderen ein Kinderspiel. Noch sind sie unvorbereitet, sie können Derid nicht besiegen und im Moment sind sie so schwach, ich brauche sie nur zu überlisten, und wenn es läuft, wie ich mir das denke, können wir das Thema Qui-Dwedas abhaken. Ein für allemal. Sie werden sich deinem Weg nie mehr in den Weg stellen.“

 

Wahrscheinlich hast du Recht. Du hast immer recht, und je früher es losgeht, umso besser für mich, auch wenn alle über uns herfallen werden.“

Ich verstehe gar nichts. Die Qui-Dwedas können euch beiden doch kaum gefährlich werden, oder?“ hielt Derid dagegen.

 

 

 

 

Maraygco nahm Derid an der Hand: „Meine unerschrockene Kriegerin, du weißt doch wie der Satz geht: Es geschieht zum Wohle des Reiches und zu deinem eigenem Glück. - Sie hätten uns nie entdeckt, wenn Trohm nicht dafür gesorgt hätte, dass du wie ein dummes Huhn vorausgelaufen bist.“

Als Maraygco Derids Hand losließ wurde ihr grüner Auraschein um einiges schwächer. Plötzlich knackten rundherum an mehren Stellen zugleich Äste. Maraygco begann am ganzen Körper zu zittern. Derid wollte Maraygco Halt geben, aber Trohm packte sie blitzschnell und schob Derid weg.

Keine Sorge, du kannst nichts falsch machen, doch halte Abstand, egal was mit ihr in der nächsten Minute geschieht.“

Was ist mit ihr los?“

Jetzt wo sie deine Aura nicht mehr wie einen undurchdringlichen Schild verstärkt. Können uns die Qui-Dwedas erkennen und Maraygco ist deren Kräften schutzlos ausgeliefert.“

 

Die Geräusche im Dickicht hörten sich an, wie wenn sich ringsum im Gestrüpp viele zugleich mit ziemlich viel roher Gewalt durch das Unterholz drängten. Ausgedorrte Makantma-Äste knickten ununterbrochen und das Geräusch wuchs zu einem ohrenbetäubenden Sturm; Derid wusste inzwischen, diese Äste brachen nicht so leicht wie gewöhnliches Holz. Wurden sie gegen ihren Willen bewegt, wurden sie sogar irgendwie härter und zäher; hart wie durchsichtiges Änerzit. Nur wenn sie mit noch viel größerer Kraft zur Seite gedrückt wurden, mit mehr Kraft als Derid aufzubringen hatte, zersprangen sie möglicherweise. Qui-Dwedas mussten also ziemlich kräftig sein, dass sie sich einen Weg durch dieses störrische Gestrüpp bahnen konnten.

Hört sich an, als wären nun alle versammelt.“ sagte Sie. Derid schaute besorgt zu Trohm.

Das machen sie nur, um uns einzuschüchtern, aber es ist nicht ihre momentane Kraft, die uns Sorgen bereiten sollte.“ gab er ihr zu verstehen.

 

Maraygco machte zwei wackelige Schritte und röchelte. Es waren ihre letzten Schritte. Dann passierte es schneller als Derid, die Dinge verfolgen konnte. Maraygcos Haut wurde von einem Moment auf den anderen brüchig.

Qui-Dwedas“, flüsterte sie. Allein diese beiden Wörter kosteten ihr plötzlich soviel Kraft, dass sie nun eine Pause brauchte. Nach einigen mühevollen Atemstößen sagte sie die nächsten Worte „ziehen immer in Horden,“ und wieder brauchte sie eine Pause, um zu Atem zu kommen, „von Hunderten. Hunderte ... und Aberhunderte.“ Sie schnappte nach Luft, als wäre sie am Ersticken. „Du wirst sie bald ...“ Als sie wieder unterbrach, vervollständigte Trohm ihren Satz. „zu sehen bekommen. Auf ewig umweht sie der Schatten des Quicylin. “ Natürlich wusste er längst, was sie zu sagen versuchte.

Maraygco hustete. „Entschuldige.“

Trohm wurde eindringlich: „Du solltest jetzt verschwinden. Es nützt uns nicht, wenn du dich quälen lässt.“

Giftiges Quicylin...“

Ich weiß. Es schwächt jeden lebendigen Organismus und niemand dessen Körper organisch ist, kann sich vor ihnen davonschleichen.“

 

 

 

 

 

Maraygco stöhnte schmerzverzerrt auf. „Aber wieso widerstehst du ihnen?“ Sie krümmte sich und sie hatte Tränen in den Augen. „Ich kann nicht mehr.“

Geh endlich. Du kannst dich beruhigt zurückziehen, ich werde dafür sorgen, dass Derid alles versteht.“

Du hast sie bereits überlistet.“

Maraygco taumelte. Das Glas, das inzwischen leer war, fiel ihr aus der Hand, und ihr Schauen begann ziellos herumzuschweifen. Derid war starr vor Schreck. Das Leben wich endgültig aus Maraygcos Körper und sie konnte zusehen, wie ihr blasses, junges Gesicht verfiel. Es verwandelte sich in eine reglose von voran geschrittener Vergänglichkeit gezeichneten Maske. Jede Ader unter der Haut trat hervor, dann färbte sich alles grau und die Linien verschwanden wieder, weil sich selbst das Blut in ihren Adern verflüchtigte. Die Lippen waren aufgeplatzt und die Augen blickten erstarrt, trübe und weiß voran, als wären sie mit Eiter gefüllt. Die Augäpfel waren zusammengeschrumpft und tief in die Höhlen eingesunken. Als Maraygco zusammenklappte, konnte man ihren Händen jeden Knochen zählen und ihr Körper war vollkommen ausgedörrt. Dennoch tasteten ihre Finger noch ein letztes Mal zielstrebig nach Trohms stützenden Arm und packten ihn geführt von einem Willen, der sich noch nicht ganz verabschiedet hatte. Knöchern geworden krallten sich ihre Finger im grauen Stoff seines Jacketts fest. Es war Derid rätselhaft, woher sie die Kraft hatte sich noch einmal empor zu ziehen. Jedenfalls erhob sie noch einmal ihr Haupt.

Ihr Wille hatte diesen toten Leib Monate Leben geschenkt, und jetzt sah er vermutlich genau so tot aus, wie sie ihn zum ersten Mal mit ihrer Präsenz übernommen hatte. Derid hatte noch nicht verstanden, weshalb sie ihn jetzt verlassen musste. Aber sie ging wohl nicht gern. Oder war es so schwer für sie ihren geliehenen Körper zu verlassen? Oder war es ihr einfach nur wichtig bis zu diesem letzten möglichen Moment anwesend zu bleiben? Wahrscheinlich müsste Derid nur herausfinden, was Trohm in Daray gerade vorhin zu Maraygco gesagt hatte, und das Rätsel wäre keines mehr: „dih daèh.“ Sie hatte sich natürlich längst vorgenommen, Trohm zu gegebener Zeit solange danach mit Fragen zu löchern, bis er damit herausrückte.

Trohm griff Maraygco fast zu spät unter die Arme, möchte man meinen. Derid blickte noch einen Moment lang in eine bizarr gewordene Larve eines Leichengesichts. In den Augen war etwas erwacht, als ob eine andere Macht sich bereits dieses Körpers bemächtigte. Maraygco hatte wohl gar nicht erst versucht dagegen anzukämpfen. Sie war Stück um Stück zurückgetreten und eine fremde Macht drang in sie ein und hatte ihre Augen verdunkelt bis aus ihnen ein uferloser Abgrund, schwarz wie die finsterste Nacht grüßte. Die Qui-Dwedas hatten ihr Banner gesetzt, und ab diesem Moment waren es nicht mehr Maraygcos tote Augen. Vielleicht setzten die Qui-Dwedas damit ein Zeichen ihres Siegs über eine Existenz, die sie gerade vernichtet hatten.

 

Ein allerletztes Zucken ging durch den leblosen Körper und in einem letzten Reflex streckte Maraygco ihren Arm hin zum Glas. Doch es lag viel zu weit entfernt. Danach hing sie nur noch leblos in Trohms Armen. Die ganze Sache war Derid unheimlich, aber sie konnte nicht anders als Maraygco anzustarren. Diesen ausgemergelten Körper, den Trohm wegen seiner Schlaffheit kaum noch halten konnte. Derid bückte sich benommen nach dem Glas und wollte es Maraygco in die Hand geben. Doch Trohm forderte sie auf, es nicht zu tun. Er sagte ziemlich mahnend:

Vorsichtig. Dieses Ding kommt aus ihren Rucksack, ein Rucksack, dem nicht zu trauen ist, und das Glas ist das letzte, was Maraygco mit ihrer Hand berührt hat. Es ist ein Gefäß, wie ihr Körper ein Gefäß war. doch es besteht aus toter Materie. Was denkst du, hat Sie dem Glas übergeben, bevor sie es fallen ließ?“

„Du willst mir doch nicht sagen, dass sie jetzt in diesem Glas steckt.“

„Nur soviel von ihr, dass sie einen Fuß in der Tür zu unserer Welt hat. Wenn das hier vorüber ist, müssen wir dafür sorgen, dass sie zurückkehren kann, ich denke also, es war ihre volle Absicht, dass es hier liegt.“

„Ein Zauberglas?“

„Nein, es ist bloß ein Fuß in einer imaginären Tür, aber es könnte sein, dass es im Moment nicht ganz ungefährlich ist, dieses Ding zu berühren. - Du weißt doch, was die bloße Berührung eines mächtigen, magischen Artefakts bewirken kann.“

 

Das Krachen zersplitternder Äste wurde noch lauter, obwohl sich Derid nicht hätte vorstellen können, dass es noch ohrenbetäubender werden konnte. Als Ob die Qui-Dwedas mit blinder Wut den Ganzen Wald auf den Kopf stellten. Eine unwirkliche Dunkelheit breitete sich aus und kroch langsam hervor. Ähnlich einem dunklen Rauch, bei dem man das Gefühl hatte langsam das Augenlicht zu verlieren. Derid umklammerte den Griff ihres Schwertes und war dabei ihre Waffe zu ziehen. „Ich mache diese verdammten Viecher alle einen Kopf kürzer, und wenn es notwendig ist auch zwei.“ Dann spürte sie wieder Trohms Blick.

Schau mich nicht so an, ich weiß dass ist das einzig richtige, was ich tun kann.“ sagte sie.

Das weiß ich, aber noch gibt es keinen Grund zu kämpfen, und wir wollen versuchen es zu vermeiden. Klar soweit?“ mahnte Trohm.

Klar... Aber ich dachte...“

Du denkst, ja, aber du denkst immer nur an dich, doch es geht hier vorwiegend nur um sie, verstehst du? Das alles hier und was vor langer Zeit geschehen ist, geschieht eigentlich nur ihretwegen, und wir wurden auch nur ihretwegen hierher geleitet und ihren Namen wollen wir in Gegenwart der Qui-Dwedas von nun an nicht mehr aussprechen. - Das ist sehr wichtig. Es gibt eben Namen die verraten einfach alles.“

 

Der qualmige Schatten breitete sich weiter aus. Eine formlose Gestalt die ringsherum an Dichte gewann. Selbst die Dinge, die von der Dunkelheit noch nicht berührt wurden, hüllten sich bereits in Schatten. Als wäre die Dunkelheit ein blind machendes Licht aus einer anderen Welt. Ein Licht das gewöhnliches Licht verscheuchte oder auffraß und die Dinge für Derids Erkennen in undurchdringliches Dunkel tauchte. Bis schließlich alles, bis auf den kleinen Flecken sandigen Grund, auf dem sie gerade stand, in Düsternis versunken war. Derids Aura war fast vollkommen vergangen. Und erschien nur noch wie eine bedrückende, dunkle Nebelschwade, die den Raum zwischen Derid und dem nachtschwarzen Qualm ausfüllte.

Derid war nicht jemand, der sich leicht wegen kleiner Unheimlichkeiten in die Hose machte, doch selbst als sie im Askor gefangen war, hatte sie sich wohler gefühlt: „Ich hoffe sehr, es geht wirklich nur um... S I E.“ flüsterte sie.

 

Im Würgegriff der Qui-Dwedas zerbarsten sämtliche bleichen Äste, so weit sie in der zunehmenden Düsternis überhaupt noch zu sehen waren. Alles rieselte als Staub zu Boden. Bald stand sie einer kompakten Wand gegenüber. Erstickend. Schwarz. Monoton. Derid stellte sich nahe zu Trohm, der Maraygco dicht an sich presste.

 

Du hattest Recht, ich wüsste nicht, wogegen ich einen Schlag ausführen sollte.“ flüsterte sie.

Du liegst mit deinen Vermutungen nicht ganz falsch. Gegen unsere Möglichkeiten sind sie auch etwas Primitives, doch im Sinne von ursprünglich und das Ursprüngliche muss nicht zwangsläufig schwach und dämlich sein, so wie du dir das vorgestellt hast. Von wegen Fell, Ungeziefer und Zähne.“

Was?“

Deine Vermutungen was Qui-Dwedas sind, Derid. - Denkst du, ich hätte einen deiner halb garen Gedanken versäumt. Ich fand es sogar witzig, wie du dich selbst widerlegt hast. Die Qui-Dwedas sind Geschöpfe aus einer Zeit, als es im Magc nur wenige energetische Existenzen gab, aus einer Zeit lange bevor die erste feste Materie überhaupt erst erschaffen wurde. Sie existieren schon viel länger als die Ayrihn, doch wurden sie von diesen versklavt und willenlos gemacht. Sie bekamen auch eine neue Erscheinung verpasst. Ob sie ihnen wohl gut steht? Darüber können wir uns bestimmt bald selbst ein Bild machen. Sie dienen heute ausschließlich den Interessen der Ayrihn, weshalb sie auch so gefährlich für uns sind. Denn alles was sie hier zu Gesicht bekommen und hören, werden sie ihren Herren berichten, und erstmal liegt darin für uns die größte Gefahr.“

 

Irgendwas war wieder mit Trohms Augen passiert. Ein unnatürlicher Schimmer lag auf ihnen. Derid hatte das Gefühl, dass es nicht Trohm war den sie sah, sondern nur ein Abbild von ihm, aber auch sein Blick war ihr nicht geheuer. Der Schimmer lag nicht nur in seinen Augen, er war überall an seinem Körper, auch an seinen grauen Kleidern? Wie es schien besaß Trohm noch andere unentdeckte Kräfte. Er wirkte unwirklicher als sonst.

Was für eine Art Trohm bist du eigentlich?“ fragte Derid plötzlich, als witterte sie eine unbestimmte Gefahr.

Wie wär’s mit der beste, den das Magc je hervor gebracht hat.“ Derid lief ein kalter Schauer den Rücken hinab. Da war es. Trohm hatte diese Ausstrahlung von Überlegenheit, dazu diese an Arroganz grenzende Mimik. Derid kannte das von irgendwo her. Wenn man dann noch seine Augen weg dachte, könnte er fasst einer von ihnen sein. Er war umgeben von einem Hauch Ayrihn-Atmosphäre. Das war keine Täuschung. Sie kannte diese Nähe, und diese Nähe zu diesen Leuten erfühlte sie stets mit Unbehagen.

Jetzt fühl' ich mich so richtig unwohl.“ sagte Derid, „Deinetwegen.“

Derid fühlte sich, als würde sie ein weiteres Mal in eine beklemmende Enge getrieben, als wäre sie umstellt von den Ayrihn und bald ihren garstigen Verhör-Methoden ausgeliefert.

Ja. Die Antwort auf deine Frage lautet ja. Aber es ist nur eine Simulation von Präsenz, wie du sie fürchtest. Eine Warnung an die Qui-Dwedas uns nicht zu unterschätzen.“

Musst du das gerade jetzt machen? Da ist es mir doch lieber, wenn sich auch noch der Boden zu meinen Füßen in dunkelste Schwärze verwandelt.“

 

Für einen kurzen Augenblick kroch der unnatürliche Schatten noch näher und dann hielt es inne. Noch zwei kleine Schritte und die Hand ausgestreckt und Derid hätte in die schwarze Wolke hinein greifen können.

„Sind das die Qui-Dwedas?“

„Was du siehst, besser gesagt, nicht siehst, sind nicht die Qui-Dwedas, das ist Licht absorbierender Quicylin-Dampf. Es ist eine energetische Substanz, und jeder vermag eine solche nur soweit zu erkennen, soweit man als Existenz in der Lage ist, sich mit der Ebene, aus der eine solche Substanz stammt, zu verbinden. Da sie uns Schwarz und undurchdringlich erscheint wie die Nacht, bedeutet, dass wir sie nicht erkennen. Wir sind für die wahre Natur dieses Dampfes blind. Quicylin ist etwas Fremdartiges und Gefährliche. Es stammt aus einer Ebene, die man Doud nennt. Quicylin raubt allem Sein dessen Energie-Niveau kaum über innere Stabilität verfügt sämtliche Beständigkeit. Leben raubt es die Lebenskraft; Vergängliches geht zu Grunde. Schwache energetische Existenzen schwinden. Sie werden von dieser Substanz einfach verschluckt. Zum Glück ist dein Körper gegen diese Substanz immun. Dass du gegen flüssiges oder kristallines Quicylin ebenso immun wärst, würde ich bezweifeln. Die kristalline Form einer energetischen Substanz ist immer die mächtigste oder gefährlichste, das kannst du sehen wie, du es willst. Es ist unser Glück, dass die Qui-Dwedas verlernt haben. Kristallines Quicylin als Waffe zu verwenden, denn dann wäre längst um uns geschehen. Kristalline energetische Substanzen sind immer am schwierigsten zu kontrollieren. Wärst du nicht verwandelt worden, könntest du keine einzige energetische Substanz auch nur wahrnehmen, weder als etwas von gewöhnlicher Erscheinung noch als Licht oder wie hier als schattenhaftes Zeugnis, einer vernichtenden Natur, die so unkontrollierbar erscheint, als befände sich vor dir ein endloser leerer Raum. Du blickst in diesem Moment in andere Welt, vermutlich gibt es in jener Welt aber genau so wie bei uns Licht und andere Dinge, doch sie existieren jenseits deiner Wahrnehmung. Schwarz bedeutet eben nur, dass du blind bist für die Geschöpfe, die dich in diesem Moment anstarren. Aber zum Glück geht es ihnen nicht viel besser mit uns nehme ich an.“

„Ich verspürte kein Bedürfnis, dass sie sich zeigen.“

Sie sind bloß zwei Schritte hinter der Nebelwand. Sie beobachten uns und schätzen ab, wer von uns die wertvollste Beute ist. Wer von uns wohl am meisten abwirft?“ erklärte Trohm mit sanfter Stimme. „Ja, sie glauben noch immer, wir wären eine leichte Beute, aber sie haben bereits Zweifel und sie werden sich Zeit lassen uns gegenüber zu treten. Sie haben uns hundertfach umstellt. Zeit spielt keine Rolle mehr und eine gute Analyse tut Not. Sie werden noch näher kommen müssen um unsere Natur erkennen zu können. Eine Analyse lässt am besten aus unmittelbarer Nähe treffen. Sie wissen bis jetzt nur, dass uns beiden der Dampf des Quicylins keinen Schaden zufügt und ihnen sollte in diesem Moment gewahr werden, dass in unseren Körpern kein Blut mehr fließt, zumindest werden sie es früher oder später einsehen, denn sie weigern sich zu akzeptieren, was längst zu erkennen ist. - Wir sind besser, als wir erscheinen.

 

Zweifelsohne werden sie bald meine Trohm-Natur erkennen, doch nur soviel ich sie davon sehen lasse. Doch deine Natur wird für sie unverständlich bleiben, selbst wenn sie körperliche Gestalt annehmen und aus ihrer Ebene hervortreten. Du bist eben so etwas wie die Ausgeburt einer unkontrollierten Schöpferlaune, und für die meisten etwas ziemlich Unerklärbares. Sie werden vermutlich versuchen, dich im Kampf zu bezwingen und sie werden verzweifelt feststellen, dass sie deinen Körper weder erfassen noch irgendeinen Schaden zufügen können. - Zwei Schritte. Sie können jeden Moment das Doud verlassen.“ Trohm sagte es mit einer gewissen Anspannung; doch nicht als befände er sich im Angesicht einer Gefahr, lediglich als wäre er auf das Ergebnis eines noch nie durchgeführten Experiments neugierig, so als würde der Ausgang ihn gar nicht betreffen.

Auf was warten sie?“

Sie sind unschlüssig und zögern. Sie können nicht verstehen, wieso wir beide nicht längst tot umgefallen sind. Doch anstatt sich ganz neu auf uns einzustellen, kommen sie immer wieder zum selben Ergebnis. Sie wollen nur das Erkennen, womit sie gerechnet haben und sind nicht bereit sich einzugestehen, dass sie über unzureichende Kenntnisse verfügen und das ihre Schlussfolgerungen schlicht falsch sind. Statt fortzulaufen, werden sie versuchen mit uns zu kommunizieren, ein fataler Fehler, weil sie denken, so könnten sie herausfinden, wie sie uns vernichten können, denn das können sie erst, wenn sie über unsere Schwächen Bescheid wissen. Aber vielleicht müssen wir gar nicht kämpfen, wenn ich sie dazu bringe mit uns zu verhandeln.“

Entschuldige, wenn ich es nicht verstehe“, brachte Derid einen Einwand hervor, „Aber du hast gesagt, es geht nur um... Sie? Das leuchtet mir nicht ganz ein. Wie kann es nur um... Sie gehen, wenn sie längst tot umgefallen ist?“

 

 

 

 

Das was entscheidend ist, haben die Qui-Dwedas bereits getan, mehr darf ich dir im Moment nicht sagen und nun geht es nur darum, dass wir beide dafür sorgen, dass die Qui-Dwedas wieder abziehen, ohne dass sie unsere Absichten erkennen. Am schnellsten ist alles vorüber, wenn wir die Qui-Dwedas zu überzeugen könnten, uns ohne Kampf in ihr Gebiet zu lassen.“

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. In ihr Gebiet? Heißt das, ihr beide wusstet von Anfang an, dass hier das Gebiet der Qui-Dwedas ist.“

Du liebes Bisschen, du weißt aber auch gar nichts. Das Gebiet der Qui-Dwedas kann überall sein, dass weiß man vorher nie. Doch wenn du wissen würdest, was die Qui-Dwedas sind, würdest du selbst erkennen, dass diese Begegnung nicht von uns beabsichtigt ist, sondern dass sie passierte. - Derid, wenn du am Eingang zu einer dunklen Höhle stehst. Von der du nicht weißt, was dich im Inneren erwartet. Stürzt du dann ohne zu zögern hinein, oder beobachtest du für eine Weile den Eingang, bevor du den ersten Schritt in die Höhle machst, in der mit aller Wahrscheinlichkeit eine Bestie haust?“

Ich würde davon rennen, wenn ich weiß, dass eine Bestie in der Höhle ist.“

Du kannst nicht fortlaufen. Der Rückweg ist versperrt.“

Dann werden wir das auch tun. Aber wir werden den ersten Schritt noch solange hinauszögern,...“

Überraschend sauste ein ziemlich schwerer, dicker Baumstamm aus dem in Düsternis verborgenem Gestrüpp über ihren Köpfen herab. Derid und Trohm wurden von einem lauten Krachen gewarnt und wichen aus. Derid zerschlug den Stamm noch bevor er den Boden berührte in zwei Teile. Sie hatte ihr Schwert so schnell gezogen, dass es beinah schon wie eine Sinnestäuschung erschien.

Ich glaube nicht, dass der von allein hier herunter fiel.“ sagte sie feststellend, als sie den Baumstamm betrachtete.

 

Trohm setzte seinen Gedanken fort: „Wir werden den ersten Schritt hinauszögern, bis wir erkennen, dass wir einen Vorteil haben. Jemand wirft schon die ersten Prügel in den Höhleneingang, um zu sehen, ob die Bestie bissig ist. Die Qui-Dwedas gehen offenbar mit ähnlichen Überlegungen wie wir an die Begegnung heran, deshalb kommt die Quicylin-Wolke nicht näher, und auch wir werden bloß dastehen und werden es vermeiden unsere Stärke zu offenbaren und ebenfalls unsere Schwächen.“

Ich hasse das, und wo gibt es nur so dicke Makantmas. Ich habe noch nirgends einen dickeren entdeckt, der dicker war als mein Unterarm.“

Oh - Glaub mir, das war noch lange nicht der Dickste Ast. - Der Kampf wird kurz sein im Vergleich zu den Vorbereitungen, und nicht immer ist am Ende der Besiegte der Verlierer.“

 

Die Dunkelheit breitete sich noch immer nicht weiter aus. Derid fragte sich ob sie in die Schwarze neblige Substanz, die ständig im Fluss zu sein Schien, hinein greifen konnte, ohne dass mit ihr grausame Dinge passierten. Sie hörte ein merkwürdig brodelndes Zischen, deren Ursprung sie nicht erklären konnte. Es wiederholte sich andauernd, so wie ein widerhallendes Echo das von vielen entfernten Räumen zugleich zurückgeworfen wurde, und dabei stets aufs Neue verzerrt wurde. So ein ähnliches Geräusch hatte sie schon einmal gehört, damals als ihr Körper verwandelt wurde.

Ein spannendes Geräusch, nicht wahr. Es ist wie das Atmen eines gähnenden Abgrunds. Jede energetische Stufe besitzt ihr eigenes charakteristisches Rauschen und Zischen. Allein an diesen Geräuschcocktail kann man erkennen, dass die Qui-Dwedas mit deinem Niveau kaum mithalten können. Aber selbst wenn sie wollten, können sich die Qui-Dwedas jetzt nicht mehr zurückziehen und so tun, als hätten sie uns nie den Weg versperrt, weil es ihre Aufgabe ist dieses Gebiet vor Eindringlingen zu schützen. Denn vermutlich liegen nicht allzu fern die Überreste eines vernichteten Geschöpfs, die es zu bewachen gilt, damit sich nur jene mit dessen Überresten bemächtigen, die sich als würdige Empfänger beweisen.

Derid erkannte, sie hatte sich nicht nur das Aussehen der Qui-Dwedas falsch vorgestellt, sondern auch den Grund deren Anwesenheit: „Die Qui-Dwedas sind also so eine Art Wächter, die die Überreste von vernichteten Geschöpfen bewachen und du wusstet es, von dem Augenblick an, als du sie mit deinem Spürsinn entdeckt hast.“

Natürlich, man kennt sie auch unter der Bezeichnung die Aaswächter des Magc.“

Aber ich weiß trotzdem nicht, was unser Problem ist, wenn sie uns nichts antun können. Können wir doch einfach, wenn sich die Qui-Dwedas irgendwann zeigen, sagen, dass uns irgendwelche Überreste nicht interessieren, und dass wir dieses Gebiet schnell wieder verlassen werden.“

Nein, die Überreste interessieren uns sehr, denn diese Überreste sind pure Energie, eine Energie, die darauf wartet von einem mächtigen Geschöpf in Besitz genommen zu werden. Das ist eine glückliche Fügung. Es ist für die mit dem Wasserglas die erste Gelegenheit zu beweisen, dass sie ein würdiger Ayrihn sein kann, ein Ayrihn, der bereit ist sowohl die Gesetze als auch die Traditionen ihres Volkes zu erfüllen und anzuerkennen. Aber das Problem ist, dass wir um einen Beweis unserer Stärke nicht mehr herum kommen, und ich fürchte, dass damit einige unsere Geheimnisse für alle wachsamen Geschöpfe dieser Welt offenbart werden. Wenn zu viel bekannt wird, ist es aus mit Heimlichkeit und wir werden scheitern und unsere kleine Freundin wird nie zurückkehren. Weder in diesen Körper noch in einem anderen.

 

Egal wie wir es anstellen, die Qui-Dwedas von unserer Würdigkeit zu überzeugen. Wir müssen soviel wie möglich verschleiert halten. - Wenn wir in die Höhle hineingehen, befinden sich darin eigentlich nur drei Bestien.“

Das ist ein Scherz? Maraygco sagte hunderte und aberhunderte.“

Nein, nicht die Qui-Dwedas Wir selbst sind die Bestien; Du, ich und die mit dem Wasserglas.“

Im vollen Ernst?“

Ich bin die Bestie. Du bist ihr Gebiss. Du bist ihre Krallen und die Stachel, alles was die Bestie im Kampf einsetzen kann und unsere Freundin ist der Schatz den wir bewachen und dem alle anderen hinterher jagen. Die Höhle ist dieser Kontinent und irgendwann kommen sie alle und werden die Höhle aufsuchen. Aber erst wenn Ayrihn kommen, wird es schwer zu verhindern, dass sie uns den Schatz nicht wegnehmen.“

Schwer?“

Jedenfalls suche ich schon seit einiger Zeit eine Lösung dafür, für den Fall wenn es dann so weit ist. - Ach da sieh her! Der Schatten weicht zurück. Dann geht es ja gleich los.“

 

Der Abstand zwischen Derid und der unwirklichen Dunkelheit vergrößerte sich, und im Zurückweichen lösten sich Konturen von wartenden Geschöpfen aus der Finsternis. Geisterhaft qualmende Nachtschwärze verschleierte ihre Formen. Derids Auraschein gewann an Kraft und ihr grünes Licht spiegelte sich kühl, auf metallischem Grund. Auf Kreaturen aus Stachel bewährten dunklen Gebein.

Derid flüsterte hinter vorgehaltener Hand: „Wurde auch Zeit."

 

Fortsetzung folgt...